Donnerstag, 9. August 2012
Donnerstag, 26. Juli 2012
Von hier aus
Wären nie
Menschen ins All geflogen, wüssten wir heute nicht, wie die Erde von oben
aussieht. Wäre ich nie nach Ghana geflogen, wüsste ich nicht, weshalb mir das
Leben in Deutschland manchmal so schwer fiel. Abstand bringt Überblick. Neue
Blickwinkel. Ich habe hier in Ghana so viel Abstand zu meinem alten Leben, dem
Leben in Deutschland, dass ich es, ohne gerade davon beeinflusst zu werden,
besser überblicken kann. Ich erkenne Dinge, die mir durch meinen starren,
eingeengten Blick verborgen blieben, schätze manches anders, neu ein. Denn wenn
alle um einen herum anders denken und handeln, dann rückt die eigene
Wahrnehmung und Meinung aus dem Mittelpunkt und andere Ansichten nehmen diesen
Platz ein…
Wie ein
Astronaut auf die Erde, so schaue ich von Ghana aus auf Deutschland – was sehe
ich? Stille. Alleinsein. Zwang zur Anonymität. Pessimismus. Krise. Wirtschaftskrise.
Finanzkrise. Gesellschafskrise. Pessimismus. Leistungsdruck. Immer mehr, immer
schneller, immer besser. Zu viele Möglichkeiten, die erschlagen. Zu viele
Informationen, die ertränken. Und immer wieder Pessimismus.
Mir
scheint, es sei der Optimismus, der dem momentanen westlichen Zeitgeist fehlt.
Was ist es
wohl, das Menschen dazu zwingt, ihre Persönlichkeit aufzugeben, ihren
Charakter, ihre Ideale zurechtzustutzen? Lebenserfahrung als messbaren Wert
anzusehen? Die Menschen zu vernachlässigen, die ihre sozialen Stützen
ausmachen, sodass Beziehungen zerbrechen, Schwestern Brüdern fremd werden und
Mütter nicht wissen, was sich ihre Töchter durch die Adern spritzen? Was bringt
Menschen dazu, ihr Leben von Erfolgsdruck diktieren zu lassen?
Es ist
wohl die Angst. Die Angst vor dem, was käme, täten sie es nicht. Die Angst vor
dem, was uns wort- und bildreich in der Schule, auf der Straße und natürlich –
wie könnte es hierbei fehlen? – im Fernsehen eingetrichtert wird: Wenn du nicht
deine egoistischen Ellbogen ausfährst, wenn du nicht der Superlativ bist, wenn
du dich nicht für dein gesellschaftliches Ansehen kaputt machst, dann wird
nichts aus dir!
Ich will
nicht Faulheit in Schutz nehmen. Motivation, Ehrgeiz und Verbesserungsstreben
können durchaus erfüllend sein. Ich will nur anraten, das menschenfeindliche
Wort „Humankapital“, bei dessen Aussprache sich mir die Bauchnabelhaare
aufstellen, schleunigst aus dem Sprachgebrauch zu verbannen, sowie jegliches
Gedankengut, das den Wert eines Menschen in Zahlen zu messen vermag.
Eine
Generation, für die der Lebenslauf ein wichtigerer Entscheidungsträger als das
eigene Gewissen zu sein scheint. Aus Angst. Angst, die Pessimismus nährt.
Komponenten eines Zeitgeistes, dem man sich anschließen kann, wenn man mag oder
nicht darüber nachdenken will, dem man allerdings auch Optimismus entgegen
setzen kann. Eine gehörige Portion Optimismus würde dieser Generation nicht
schaden!
Zugegeben,
zwischen Optimismus und Naivität schwankt nur ein schmaler Grat. Aber weißt du,
was von meinem ghanaischen Astronautenanzug aus naiv wirkt? Luxusprobleme wie
diese, über die in Deutschland geheult wird. Wie die Streberkinder, die bei
einer 1- in Tränen ausbrechen…
Da wäre
ich übrigens wieder da angekommen, wo die eigene Sichtweise durch den Kontakt
mit einer anderen bereichert wird. Hier in Ghana nehmen nämlich die sozialen
Strukturen und besonders die Familie einen viel, viel höheren Stellenwert ein
als in Deutschland. Das gibt Rückhalt und die Sicherheit, dass immer jemand da
ist, der einen abfangen wird, wenn es doch mal schlecht laufen sollte. Und das
wiederum gibt Optimismus und nimmt die Notwendigkeit des egoistischen Zukunftspessimismus‘…
Dienstag, 17. Juli 2012
Ein anderes Ghana
Seitdem ich in Ghana bin, verbinde ich das Wort „Norden“
nicht mehr mit Fisch, Werder Bremen, Fettes Brot und der See. Vielmehr mit
Trockenheit, Armut, Islam und Nichts.
Nordghana ist ein anderes Land. Nicht viel hat es gemein mit
dem Reichtum des Südens. Nicht die Geschichte. Nicht die Sprache. Nicht die
Vegetation. Nicht den Glauben.
Ghanas Nord-Süd-Unterschied ist historisch und geografisch
bedingt.
Im Süden leben wegen der Nähe zur Küste und zum Voltasee
viele Fischer und Kakao-, Ölpalmen- und Yamsbauern. An der Küste siedelten sich
auch die ersten Europäer an und begannen unter britischer Kolonialherrschaft, den
Süden nach britischem Vorbild zu entwickeln und das Christentum zu verbreiten.
Der Norden war dagegen schon immer das Gebiet muslimischer Nomaden, die aus dem
nahen Sahel kamen. Außer Dürre, einer intensiveren Sonnenstrahlung und den
Viehherden und Getreideprodukten der Nomaden hatte der Norden den
Kolonialherren nicht viel Attraktives zu bieten. Diese interessierten sich
vorwiegend für den rohstoffreichen Süden und beließen den Norden weitgehend so,
wie er war.
Nordghana
ist ein anderes Land.
Das spürte
ich, als ich vom Schiff aus das flache Land mit den sonderbaren Bäumen und den
dazwischen grasenden Schafen erkennen konnte, als ich nach dreitägiger
Schiffsfahrt auf festem Boden in Yeji angekommen den ersten Muezzin sein Lied
singen hörte, als ich festgeklammert an einem Holzbalken über holprige rote
Sandstraße rüttelte.
Makango.
Auf dem
rückspiegellosen Transporter: Der den fehlenden Spiegel ersetzende Junge. Die
Frauen, die so laut über ihr Bild auf dem Cameradisplay und die verdutzten
Kinder am Straßenrand lachen. Und wir zwei von der sandroten Schönheit Begeisterten.
Rechts und
links: Land, das Savanne heißt. Ihm fehlt die Farbe. Gras, Gestrüpp, das mal
Gras war, legt sich ockergelb auf rotbraunem Erdboden schlafen.
Die
Ladefläche ist voll mit Säcken, Schüsseln, Gepäck. Und mit Herzlichkeit. Die
Frauen geben uns Pito, Hirsebier, das wie Palm Wine schmeckt, und lachen
ungeniert bei jedem Schlagloch, das uns das Gebräu in die Nase sprudelt. Ich
glaube tatsächlich, neben meiner Oma zu hocken, als ich Kürbiskerne in die Hand
gedrückt bekomme und meine Sitznachbarin meine von der unterschätzten
Sonnenintensität verbrannte Haut behutsam mit einem um ihre Hüfte geschlungenen
Stoff bedeckt.
Salaga.
Gelbe Stadt
mit schönem, reinem Namen. Mit bedeutender Geschichte. Knotenpunkt ehemals
bedeutender Handelsstraßen. Marktplatz für die Tauschware Mensch.
Die Dörfer,
die Häuser sehen hier anders aus. Einfarbig, geordnet. Familien trennen ihre
Rundhäuser mit Lehmmauern voneinander ab, bilden Vorhöfe. Wände aus Bastgewebe,
Dächer aus Stroh.
Davor
sitzen im Schatten Muslime. Lang und dünn, markante Gesichtszüge, die
Wangenknochen sind es und die Stirnfalten, manchmal ein charakteristischer Bart
um die schmalen Lippen. Augen schauen bedächtig, kritisch, senden gleichzeitig
Ruhe aus und, wenn sie angelächelt werden, Wärme. Nordwärme. Auf ovalen Köpfen
thronen stolz wie kleine Kronen rundschachtelförmige Kappen, bestickt und
bedruckt mit Moscheen unter Sternen und Halbmondsicheln. Türkisblau, weiß,
golden. Oder elegant über das Kopftuch gelegte Stoffe. Tüll, seidig glänzend,
funkelnd. Betonen Augen, schöne, kraftvolle, bestimmte Augen. Dünne,
vergebende, respektvolle Körper stecken in langen, oft einfarbigen Gewändern.
Beneidenswert weiß zwischen all den Dreck-, Sand- und Staubquellen.
Tamale.
Rasant
wachsende Hoffnung des Nordens. Moscheen und Minarette in Pastelltönen, in
reich verzierten Knallfarben. Aus Lautsprechern hallen die Gebete der Muezzine.
Nachts wie ein Film. Dunkelheit umhüllt die arabischen Klänge. Ihrem Weg
folgende Menschen. Im Gleichklang auf- und niederbebende Kappen. Leuchtfeuer am
Straßenrand: Orangen, Kekse, Fleischspieße. Der Halbmond ruht über den
Moscheen, schmal und schön. Darüber der Stern, unser Stern.
Angst vor dem Islam? Ich kann sie nun noch weniger
verstehen. Die Frauen laufen nicht verschleiert durch die Straßen, sie tragen
Kopftücher, die bei der Hitze eine reine Wohltat sind. Die Menschen leben in
jener Gelassenheit, die für Mittagspausen in der Sonne die passende ist. Leben
und leben lassen.
Stattdessen muss ich mich beim Anblick offensiv schreiender,
mit gewaltiger Stimmkraft Anhänger suchender Priester im Süden fragen, für
welche Religion eine gewisse Angst gerechtfertigt ist.
Das
Christentum gehört zweifelsfrei zu Ghana. Der Islam auch. Ghana schafft sich
trotzdem nicht ab.
Samstag, 7. Juli 2012
Marktplatzgewusel
Gasse
um Gasse, darauf knallt Sonnenhitze. Sonnenschirme spielen Schatten in
ausgeblichenem Gelb. Daran hängen Röcke, Kopftücher und BHs, Tüten gefüllt mit
Milchpulver, Waschpulver, Kakaopulver.
Unförmige
rote Pyramiden in Tomatenrot, Palmnussrot, Paprikarot, Melonenrot, Chilirot,
Papayarot inmitten Stapeln aus Gelb, Grün, Violett, Rostbraun. Eigroße
Gardeneggs, birnengroße Eiermangos, mangogroße Honigmelonen. Frische Blätter
und getrocknete Kräuter, Cocoa Yam, Anis, Fenchel. Erdnüsse und Tigernüsse
geröstet, gesalzene Kochbananenchips.
Frauen
mit Babys auf dem Rücken, die hinter, neben, auf ihren Yamswurzeln schlafen.
Krokodilhaut und Stachelschweinstacheln neben abgehackten Schweinefüßen und
Ziegenmägen. Augen aus Fischen starren mich an. Frisch, glänzend,
fliegenumsurrt, geräuchert, ineinander gerollt, grau und golden braun, so klein
wie ein Geldstück, so lang wie ein Kinderarm, platt, fett, gesalzen. Eine Frau
schöpft trüben Saft mit charakteristischem Geruch aus einer wagenradgroßen,
bäuchernen Kalebasse. Daneben wird einer lachenden Frau eine geflochtene
Strähne im Haar befestigt.
Es
riecht nach Erdnussbutter, rohem Fleisch und Orangen.
Ziegen
stibitzen auf dem Boden trocknende Maiskörner. Wütende Mädchen verjagen sie.
Körbe über Körbe. Tüten mit Zucker, Salz und Gari. Schüsseln voll Mehl, Reis
und Bohnen. Tausend verschiedene Sorten – Wer kennt den Unterschied? Übereinander
geschichtete Dosen und Büchsen. Tomatenmark, Milch, Sardinen.
Ab
und an bunte, schön gemusterte Stoffbahnen, bevor das eigentliche Areal der
Textilhändlerinnen beginnt. Zusammen gefaltete Stoffe an hölzernen Stangen.
Batik, bestempelt mit den so häufig
anzutreffenden Adinkra-Symbolen. Seide, bestickt mit Pailletten, rot-schwarze
Beerdigungs-, weiß-gemusterte Festtagsstoffe, Ornamente, Farbverläufe, Applikationen,
wie ein Traum, über die Nacht hinaus. Stofffetzen auf dem Boden, ratternde Nähmaschinen,
Nadeln, Maßbänder. Mode tatsächlich individuell.
Es
riecht nach Bügeleisendampf.
Sonntag, 1. Juli 2012
Say it with a handshake
„Togo!“,
„Mali!“, „Sierra Leone!“, lässt der 12-jährige Ernest im Geografie-Wettbewerb
die älteren Jungs und Mädels noch älter aussehen, als von außerhalb des
Klassenzimmers eine unverkennbare Sirene aufheult: Abigail. Mal wieder. Daneben
Mary. Natürlich. Die ihr prompt mit der kleinen Faust auf den Kopf knallt wie
ein genervter Student auf den unnötigerweise aufschrillenden Wecker.
Gemütlich
trotte ich mit meinem extra für diese beiden Vierjährigen entworfenen „Und was
ist heute euer Problem?“-Gesichtsausdruck auf die sich liebenden, hassenden und
wieder liebenden Freundinnen zu. Ich hocke mich zu ihnen und höre mir den
empörten, luftholpausenlosen und deutlich mit Schuldzuweisungen nuancierten
Selee-Ewe-Englisch-Kindersprache-Wortschwall in zwei Stimmlagen an, ohne auch
nur drei zusammenhängende Worte zu verstehen. Bis das Wort der Worte so oft
fällt, dass auch ich schließlich den Auslöser für den heutigen Streit erkenne:
chalk. Achja klar, die beiden sind ja auch mal wieder mit naseweißem
Kreidestaub geschminkt. Hände auf, Kreide in der Mitte brechen, ein lachendes
Gesicht auf beide Oberarme und auf Marys Wunsch hin auch noch zwei Armbanduhren
um die dünnen Handgelenke malen, zwei Patschehändchen zum Handschlag
zusammenführen und schon greift Abigail nach Marys Rockzipfel, um mit ihr
Richtung Klettergerüst abzudampfen. Say it with a handshake!
The
Ghanaian Handshake: Nach dem gesunden Händedruck rutschen beide Mittelfinger
gekonnt lässig die Handflächen bis zur gegenseitigen Fingerkuppe hinab, um
diese kräftig zwischen Daumen und Mittelfinger zu schnipsen. Gern auch um
diverse Handgriffe erweitert. Kitzelt nämlich dabei der Mittelfinger
verschmitzt die Handinnenfläche, ist dies ein ganz unkompliziertes Sexangebot,
das noch unkomplizierter mit Zurückkitzeln (JA) oder Ignorieren (NEIN)
beantwortet werden darf.
Ob
mit oder ohne libidinösen Absichten: Der ghanaische Handschlag ist nichts für
schwitzige Froschfinger und Freunde betont unherzlichen
Weichspüler-Händeschüttelns. Denn Hände werden geschüttelt, gehalten,
gestreichelt, geknetet und gepresst, so oft es nur geht. Zur Begrüßung und zum
Abschied. Um Danke zu sagen, sich über ein Tor zu freuen oder eine Idee, einen
lobenswerten Satz oder einen guten Witz zu bekräftigen. Oder eben: als
Versöhnung.
Geschnipst,
vergeben und vergessen. Versöhnliche Stimmen klingen in Ghana lauter als
nachtragende. Meine Gastmama Comfort erklärt mir das so:
You
can make a mistake. All people make mistakes. Mistakes are not good, but they happen and in the end people learn from
them. Here in Africa we take everyone as our
sister and brother. You can forgive your sister and brother. God forgives us
every day, so we should also forgive people every day. If they are apologizing,
if they are begging you to forgive them, you should forgive them. Why not? It
is not paining you to forgive people.
Vergeben
wird in Ghana groß geschrieben. Sogar Kinder werden danach benannt.
Unsere
kleine Forgive ist 4 Jahre alt und sitzt gerade auf der Wippe Abigail und Mary
gegenüber, die ihren Kreidestreit längst vergessen haben.
Montag, 25. Juni 2012
Kofi
Kofi
heißt Kofi, weil er an einem Freitag geboren wurde. Eigentlich heißt Kofi
Emmanuel, das interessiert aber keinen.
Kofi
ist heute genau ein Jahr, einen Monat und neunzehn Tage alt, krabbelt, als
wolle er an Olympia teilnehmen, macht mit ein bisschen Hilfe schon eigene
Schritte und sein erstes Wort war definitiv – ich hab es ganz genau gehört! – Dörte.
Kofi
klettert während der Entstehung dieses Textes kontinuierlich auf meinen auf dem
Steinboden sitzenden Schoß, um wahlweise an meinem Stift oder meinem
Kettenanhänger zu lutschen.
Kofi
kommt sowieso immer vorbei, wenn ich gerade auf der gemeinsamen Terrasse sitze,
Avocados schäle, mir hundsgemeine Matheaufgaben für die Sechstklässler
ausdenke, den Gewinner des Malwettbewerbes ausfindig mache oder selbst mit
Pinsel, Schere und Papier herumhantiere (Obwohl ich nie ein Fan von Stochastik
war, kann ich bestätigen, dass mit mindestens 94,7%iger Wahrscheinlichkeit jede
Postkarte, die ich in den letzten Wochen auf Reisen geschickt habe, ein paar
Spritzer Kofispucke mit sich trägt – Glückwunsch, wenn Du auch was bekommen
hast!)
Kofi
lebt allein mit seiner 21-jährigen Mama Amina im Raum neben Ruth und mir. Sein
Papa kommt nur selten vorbei, um über Nacht zu bleiben und sich dann wieder
über Monate nicht zu melden, ist also ein waschechtes Arschloch, wie es im
Buche steht.
Kofi
trägt keine Windeln, pinkelt sich noch immer nach Herzenslust ein, geht dafür
aber wenigstens wie eine Katze immer auf denselben Fleck: die oberste der drei
Stufen zu unserer Terrasse, von wo aus man den ganzen schönen Kofiurin bequem
runterwischen kann – Schlauer Junge!
Kofi
ist ein Einzelkind, Mama Amina will aber auf jeden Fall noch mehr Kinder
bekommen. Hoffentlich nicht von Kofis Papa, denn der ist ja wie gesagt ein
waschechtes Arschloch, wie es im Buche steht.
Kofi
verliert durch den von Ruth und mir eingeführten Salat-Montag (freu mich schon
wie Bolle auf heute Abend!) die ghanaische Scheu vor ungekochtem Gemüse.
Kofi
hört viele Sprachen um sich herum und wird in einigen Jahren wohl Selee - die
Dorfsprache -, Ewe - die Sprache der Volta Region -, Hausa – die Sprache seiner
Mutter -, Englisch – die Schul- und Amtssprache - und (wenn meine
lingualpädagogische Vorbehandlung effektiv sein sollte) ein paar Brocken
Deutsch („Guten Morgen, kleiner Mann.“ „Nee, kriegste nicht. Ätsch-Bätsch“
„Wenn deine Mama nicht hinschaut, klau’ ich dir deine Mango!“) sprechen.
Kofi
lacht konspirativ, wenn ich mich unter Aminas Gelächter vor dem sonntäglichen
Gottesdienst verstecke oder mir seine Mama fünf Minuten vor Arbeitsbeginn ein
augenzwinkerndes „I’m sooo sorry, you can’t go to work today – the rain is
coming!“ zuwirft.
Kofi ist immer der dumme Junge, wenn er die Bälle fangen muss, die Nachbarsjunge Dennis und ich uns über ihn hinweg zuwerfen.
Kofi
mag Schoko-Banane-Muffins, die Ruth und ich nach langer Wartezeit auf
importiertes Backpulver doch noch backen und im Dorf verteilen konnten.
Kofis
Mama ist Muslimin, Kofi selbst wird aber nächsten Monat christlich getauft
werden, weil sein Vater – das waschechte Arschloch, wie es im Buche steht –
Christ ist. Wenn Kofi 14 ist, wird er selbst über seine Religion entscheiden
dürfen.
Kofi
wird überall und vor jedermanns Augen ungeniert gesäugt und bekommt für so viel
undeutsche Schamlosigkeit von mir einhundertsiebenunddreißig Pluspunkte.
Kofi
sieht mit Haaren eigentlich viel schöner aus als ohne.
Kofi
wird in 15 Jahren langsamer rechnen können, schlechteres Englisch sprechen und
mehr Rechtschreibfehler machen als andere 16-jährige in West- oder Südghana,
weil die Volta Region im Osten, die den restlichen Gebieten erst später
angeschlossen worden ist, politisch, infrastrukturell und gesellschaftlich eher
stiefmütterlich behandelt wird (Irgendwie kenne ich das doch…).
Kofi
geht nicht in die Kinderkrippe. Wenn Mama arbeitet, ist Kofi auf dem Rücken mit
dabei, egal, ob auf der Farm Mais angebaut oder das daraus geploppte Popcorn
verkauft wird.
Kofi
ist der ungekrönte Star der gesamten Nachbarschaft, die sich gern (lustiges
Glucksen, ungeschicktes Aufstehen, vollkommen sinnfreies Sich-im-Kreis-Drehen)
oder weniger gern (extrem ätzendes Aufmerksamkeitsschreien, besonders am viel
zu frühen Morgen) von ihm unterhalten lässt.
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